Welches Infektionsrisiko geht in Zeiten der Corona-Pandemie von Bergsportmaterial aus und inwieweit können, wollen oder müssen wir dieses reduzieren? Kann und muss man Bergsportmaterial und persönliche Schutzausrüstung (PSA) desinfizieren? Inwieweit gilt das für Kletterhallen? Diese Fragen behandelt Alexandra Schweikart in ihrem Beitrag – mit dem Wissensstand von Anfang Mai 2020 – aufgrund einer intensiven Literaturrecherche.
Von Alexandra Schweikart
Interaktionen von Viren und Menschen oder Viren und Materialien sind kompliziert und schwierig zu erforschen. Zuallererst muss man verstehen, dass es in biologischen Systemen lediglich zur Risikoreduktion kommen kann, Null-Risiko ist nicht definierbar: Niemand kann ein einzelnes Virus messen. Möglich ist lediglich, das Risiko um einen Faktor 10, 100 usw. zu reduzieren.
Bergsteiger können das sicherlich gut nachvollziehen, da sie wissen, was Restrisiko heißt und was es bedeutet, ein gewisses Zusatzrisiko relativ zu der Grundakzeptanz vom Basisrisiko zu haben. Professor Marcel Leist von der Universität Konstanz (spezialisiert auf Methodenentwicklung und -bewertung im medizinischen Bereich) sagt dazu: „Die Virusinfektion ist eine Dosisfrage, je weniger davon da ist (es braucht aber nicht null sein), desto unwahrscheinlicher wird die Infektion.“ Ein Beispiel zur Einschätzung des Restrisikos: Wer heute ins Donautal oder ins Zillertal zum Klettern fährt, hat ein wesentlich höheres Risiko, eine Borrelieninfektion mit Komplikationen zu bekommen − wegen der Zecken − als an Covid-19 zu erkranken. Allerdings ist Letzteres in unserer Wahrnehmung momentan stärker präsent.
Wie wird SARS-CoV-2 übertragen?
Es sind vor allem drei Übertragungswege bekannt: durch Tröpfchen, Aerosole und über Kontaktflächen.
Das Virus wird in den überwiegenden Fällen durch Tröpfcheninfektion übertragen (Husten, Niesen oder Sprechen).1 Dabei werden die Tröpfchen über die Schleimhäute von Mund, Nase und auch Augen des Gegenübers aufgenommen. Hier geht es um größere Tröpfchen, die im Abstand von einem halben Meter bis drei Metern (je nach Lungenvolumen oder Dauer einer Hustenattacke) einfach zu Boden fallen.
In Studien konnte auch gezeigt werden, dass Aerosole (Tröpfchen kleiner als fünf Mikrometer, die beim Husten, Niesen und sogar schon beim Ausatmen entstehen und dann sozusagen in der Luft „stehen bleiben“) bis zu drei Stunden in einem geschlossenen Raum (beispielsweise Patientenzimmer) nachweisbar waren und auch infektiöse Viren enthielten.2 Allerdings wurde hier nur in geschlossenen Räumen und ohne Luftzug gemessen: inwieweit Aerosole bei geöffnetem Fenstern oder im Freien stabil bleiben oder „verdünnt werden“, ist bisher ungeklärt. In einer anderen Studie wurde gezeigt, dass die Ausbreitung des Aerosols durch die Verwendung einer chirurgischen Maske verringert werden konnte.3 Auf die Verwendung von Masken möchte ich hier nicht weiter eingehen, empfehle aber die Lektüre einer Studie der BW Universität München, die in Strömungsexperimenten die Ausbreitung der Tröpfchen beim Husten mit und ohne Masken veranschaulicht.4
Übertragungen durch Oberflächen, auf denen das Virus „sitzt“, nennt man Kontaktinfektion. Beispielsweise greift sich eine infizierte Person an die Nase oder an den Mund, dann bedient sie das Handy, gibt das Handy einer anderen Person, welche sich daraufhin an die Nase (Mund oder Augen) greift. Dieser Übertragungsweg kann nicht ausgeschlossen werden, scheint aber weit weniger häufig zu sein als die Tröpfcheninfektion. Studien zu Infektionstracking in vielen Ländern zeigen fast lückenlos, dass die Tröpfcheninfektion durch direkte Mensch-zu-Mensch-Übertragung der überwiegende Hauptweg ist.5 Bisher sieht es so aus, als wenn Kontaktinfektionen (Türklinken usw.) und auch Aerosole eine untergeordnete Rolle spielen.
Wichtig zu wissen ist: Von der Ansteckung mit dem Virus bis zum Symptombeginn liegen nach derzeitigem Wissensstand im Mittel fünf bis sechs Tage – die sogenannte Inkubationszeit. Die Spanne reicht jedoch von einem bis zu 14 Tagen. Allerdings kann eine infizierte Person bereits zwei Tage vor Symptombeginn ansteckend sein; genau am Tag vor Symptombeginn ist eine infizierte Person gar am meisten infektiös! Überraschenderweise haben viele Infizierte (etwa 43 %) überhaupt keine Symptome.6 Wir können uns also im Moment zu keinem Zeitpunkt sicher sein, ob wir (Über-)Träger des SARS-CoV-2-Virus sind! Die Aussage: Ich bin gesund, ich merke nichts, ich kann niemanden mit dem SARS-CoV-2-Virus anstecken, gilt im Moment nicht uneingeschränkt.
Zusammenfassung
Das Virus wird überwiegend von Mensch zu Mensch durch Tröpfchen übertragen (Husten, Niesen). (Flug)-Übertragungen durch im Raum stehende Aerosole und Kontaktübertragungen durch Oberflächen sind eher selten. Von der Ansteckung bis zu den ersten Symptomen vergehen durchschnittlich fünf bis sechs Tage, wobei man bereits vor Symptombeginn als infizierte Person ansteckend für andere ist.