Lukas Furtenbach über seine Everest-(Flash-)Expeditionen

Der Beitrag von Lukas Furtenbach zu seinen kommerziellen Expeditionsangeboten im aktuellen bergundsteigen #104 hat polarisiert – wie zu erwarten war.
Weil auch in den sozialen Medien darüber diskutiert wird und damit alle wissen, worum es geht, stellen wir seinen Beitrag dazu und das Interview mit unseren Fragen, was das Ganze soll, online. Viel Spaß beim lesen und diskutieren.

Complete bloody hogwash, kriechende Profibergsteiger und Sauerstofforgasmus.

Was wurde aus dem ehrenvollen Himalayabergsteigen?

Wenn nicht nur die Fachgazetten, sondern auch die seriöse Tagespresse über das Bergsteigen berichtet, dann ist entweder ein prominenter – oder es sind mehrere weniger bekannte – Bergsteiger am Berg umgekommen, oder es hat mit Schnelligkeit oder bekannten, sprich hohen, Bergen zu tun. Nachdem im Mai 2018 alle Teilnehmer einer kommerziellen Expedition in gut 20 Tagen ab Europa den Gipfel des Everest erreicht haben, wurde der Veranstalter Furtenbach plötzlich einer breiten Leserschaft bekannt.

Das „Enfant terrible unter den Expeditionsveranstaltern“ nannte die FAZ Lukas Furtenbach, der – seit er 2014 begonnen hat, Bergreisen zu veranstalten – diesem Namen alle Ehre zu machen scheint. Mit seinem professionellen Zugang und seinen klaren Äußerungen zum Bergtourismus, so fernab von Bergidylle und Heldentum, hat er nicht nur unter den Altherrenbergsteigern für Irritationen und Unverständnis gesorgt.

Bevor wir uns mit ihm unterhalten, haben wir Lukas gebeten, über seine heurigen Everest-Expeditionen und dem ganzen Drumherum zu berichten.

Von Lukas Furtenbach

„Snakeoil“ – „Wird nie für Kunden funktionieren!“ – „Das ist in höchstem Maße unseriös und gefährlich!“ Das und noch ganz anderes haben anerkannte alpine Größen und Expeditions-Urgesteine (einfach googeln, wer was gemeint hat) über unsere diesjährige Everest-Flash-Expedition gesagt.

Vor der Expedition, wohlgemerkt.

Damals

Drehen wir das Rad der Geschichte 40 Jahre zurück. Als Peter Habeler und Reinhold Messner als Teilnehmer der österreichischen Mount-Everest-Alpenvereinsexpedition 1978 unter Leitung von Wolfgang Nairz einen Besteigungsversuch ohne zusätzlichen Sauerstoff ankündigten, wurden ihnen bleibende Gehirnschäden prognostiziert. So ziemlich alle, die damals in der alpinen Welt Rang und Namen hatten, erklärten sie für lebensmüde. Und das, obwohl Edward Norton bereits 1924 bis auf 8.573 m ohne Sauerstoff in der Everest-Nordwand kletterte.

Dennoch schrieben Messner und Habeler Alpingeschichte. Sie stiegen auf dem Normalweg auf der Südseite auf einer von 22 Sherpas mit Aluleitern und tausenden Metern Fixseil präparierten Route sowie über fünf fertig eingerichtete und mit Sauerstoffflaschen bestückte Hochlager zum Gipfel. Soweit nichts Neues im Jahre 1978 auf dem Normalweg, der bis dahin in diesem Stil von etlichen Expeditionen erfolgreich bestiegen wurde. Gleich geblieben zu den vergangenen Expeditionen ist auch der Umgang der AV-Expedition mit dem Müll am Berg. Der wurde in Müllspalten zurückgelassen und im Basecamp verbrannt, wie im Expeditionsbericht von 1978 nachzulesen ist (und das, obwohl bereits damals die internationale Forderung nach einem Nationalpark und strengeren Umweltschutzbestimmungen im Raum stand – aber das ist eine andere Geschichte).

Wirklich bahnbrechend war, dass Messner und Habeler den von Sherpas deponierten Sauerstoff bei ihrem Aufstieg nicht verwendeten. Und damit einen sehr exklusiven Zirkel begründeten. Bis Ende 2017 wurde der Mount Everest 8.306 Mal bestiegen (inklusive Mehrfachbesteigungen), davon 208 Mal ohne Sauerstoff und davon wiederum waren nur 151 keine Sherpas. 288 Menschen sind bis inklusive 2017 am Everest gestorben. Davon 168 ohne zusätzlichen Sauerstoff.

Diese Zahlen zeigen uns zwei Dinge: den Mount Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff zu besteigen, gelingt a) selten und birgt b) ein hohes Risiko. Für kommerzielle Everestveranstalter ist es geradezu eine moralische Verpflichtung, ihre Gäste, Sherpas und Bergführer mit zusätzlichem Sauerstoff klettern zu lassen. Den zur Verfügung gestellten Sauerstoff auf beispielsweise drei Flaschen oder eine bestimmte Flussrate zu limitieren, kommt eigentlich einer Fahrlässigkeit gleich, fast so, wie wenn ein Bergführer seinen Gästen sagen würde: „Zweimal halte ich euch, wenn ihr stürzt, danach müsst ihr ohne Seil weiterklettern und selbst die Verantwortung für euer Tun übernehmen“. Ob man den Everest mit nur einer Flasche Sauerstoff und einer Flussrate von 2 Litern/Minute bestiegen hat oder aber fünf Flaschen und 6 Liter/Minute verwendet hat, ist sowohl für die offizielle Statistik wie auch für moralisch-ethische Stilfragen vollkommen irrelevant. Es war eine Besteigung mit zusätzlichem Sauerstoff und wird als solche gewertet und erfasst.

Es ist nicht dokumentiert, wie viele Gäste wegen unzureichender oder mangelhafter Sauerstoffversorgung am Everest gestorben sind. Aber jeder einzelne Todesfall wäre wohl vermeidbar gewesen. Die Gäste hatten sich auf ihren Veranstalter, ihre Sherpas oder ihren Bergführer verlassen. Und sind deswegen gestorben.

Heute

Es ist Ende April 2018. Die Everestsaison ist in vollem Gange. Unsere Gäste der Classic-Everest- Expedition sind schon seit fast einem Monat in Tibet und haben bereits erste Akklimatisationsrotationen am Berg hinter sich.

Ich und die Gäste unserer Everest-Flash-Expedition sind noch zu Hause. Es ist ein ungewöhnliches Gefühl. Irgendwie so wie damals in der Schule, wenn man wusste, dass man zu spät kommt, es aber nicht mehr ändern kann.

„Everest Flash“ heißt Mount Everest in unverschämten vier Wochen für progressive € 95.000. Oder war es umgekehrt? „Everest Classic“ ist da etwas konservativer mit € 55.000 für ein achtwöchiges Expeditionserlebnis. Bei der Flash-Expedition werden unsere Teilnehmer acht Wochen lang zu Hause in einem speziellen Akklimatisationsprogramm mit Hypoxiezelten und aktivem Hypoxietraining akklimatisiert (siehe unten [info: Hypoxietraining]). Die Hardware dazu wurde nach unseren Bedürfnissen adaptiert und das genaue Programm über 15 Jahre entwickelt und verfeinert.

Am Ende der acht Wochen hat jeder eine bestimmte Stundenanzahl in einer bestimmten mittleren Höhe verbracht und die maximal erreichte Schlafhöhe lag für jeden über 7.100 m. Damit simulieren wir zwei volle Rotationen am Berg. Theoretisch könnte man nun zum Everest reisen und gleich losmarschieren.

Das taten wir auch. Wir starteten am 1. Mai in Europa, mussten zwei Tage in Kathmandu (1.350 m) auf unser Visum warten und waren am 6. Mai im Everest-Basecamp auf der chinesischen Nordseite auf 5.200 m. Am siebten Tag, nachdem wir Tibet und damit echte Höhenexposition erreicht haben (Lhasa liegt auf 3.600 m), erreichten wir ohne Probleme (und natürlich ohne zusätzlichen Sauerstoff) den Nordsattel auf 7.000 m bei unserer Sicherheitsrotation. Hätte unser Akklimatisationsprogramm zu Hause nicht funktioniert, hätten wir spätestens an diesem Punkt ernsthafte Höhenprobleme erfahren. Danach stiegen wir in das Basecamp ab und warteten auf ein passendes Wetterfenster, während alle Teilnehmer des Classic-Teams unter der Führung von Rupert Hauer am 16. Mai erfolgreich auf den Gipfel steigen.

Wir haben Wetterglück und können wie geplant starten. Alle Teilnehmer des Flash-Teams stehen (abermals unter Führung von Rupert Hauer) am 21. Mai, 17 Tage nachdem wir Kathmandu verlassen haben oder 21 Tage nachdem wir uns von unseren Liebsten zu Hause verabschiedet haben, am Gipfel und steigen noch am selben Tag bis in das ABC auf 6.400 m ab. Einen Tag später sind alle im Basecamp. Gesund und ohne jegliche Blessuren schauen die Teilnehmer eher aus, als würden sie gerade aus dem Büro als von einem Gipfelgang am Mount Everest kommen. Kein verbranntes Gesicht, nicht einmal eingerissene Lippen, nichts. Die Exposition war wohl zu kurz, um vom Berg und der lebensfeindlichen Umgebung gezeichnet zu werden.